Zur Hauptnavigation springenZum Hauptinhalt springen

Vergessen und verdrängt

Ich versuche mir vorzustellen, wie die Menschen in 50 Jahren den Wahl-O-Mat von heute betrachten werden. Die 38 Fragen wurden bekanntlich von Sozialwissenschaftlern ausgewählt, die einen Überblick über die aktuell wichtigsten Probleme Deutschlands darstellen wollen. Soll ich sagen, dass mich das Ignorieren des Themas „6. großes Artensterben“ verwundert - oder  besser: dass es mich empört? 

In der Welt der Naturwissenschaften ist es üblich, den sich beschleunigenden dramatischen Biodiversitätsverlust mit dem Aussterben der Dinosaurier (das war erdgeschichtlich das 5. große Sterben) gleichzusetzen. Das Problem „Verlust der Artenvielfalt“ muss in einem Atemzug mit der Überhitzung der Erde genannt werden; beide bedrohlichen Prozesse sind durch den alltäglichen Lebens- und Wirtschaftsstil der industriell orientierten Menschen verursacht. Damals vor 66 Millionen Jahren war ein Asteroideneinschlag die Ursache; heute erledigen wir die Mitbewohner des Planeten eigenhändig und rauben uns selbst Schönheiten und Chancen. Ich bin mir sicher, dass unsere Enkel über das Verdrängen und Vergessen dieses Themas Trauer und Wut empfinden werden.  

Nicht nur der Wahl-O-Mat ignoriert das Artensterben. Das Thema hat im aktuellen Wahlkampf keine Rolle gespielt, wohl auch deshalb, weil Debatten über die nötige Reduzierung unserer Ansprüche an den Planeten tabuisiert sind. Ich bin froh und dankbar dafür, dass die ÖDP mit dem Artenschutzvolksbegehren in Bayern ein starkes Zeichen setzen konnte. Wer das Problem erkannt hat, sollte seine Wahlentscheidungen bei allen künftigen Wahlen auch daran ausrichten: Stoppt die Verarmung der Artenvielfalt!