Casino-Kapitalismus und Profitmaximierung

Gefahr für Demokratie und Gesellschaft?

Günter Grzega in Wilhelmsdorf

Wilhelmsdorf. Klare Worte zu unserem gewärtigen Wirtschaftssystem fand Günter Grzega bei der Veranstaltung des ÖDP Kreisverbandes in Wilhelmsdorf. Der Referent, ehemaliger Vorsitzender der Sparda-Bank München: „Der Casino-Kapitalismus mit seiner auf Profit-Maximierung ausgerichteter Ideologie ist eine große Gefahr für unsere Demokratie und die Gesellschaft.

Die Realwirtschaft habe sich in den letzten 20 Jahren weg von der Realwirtschaft immer mehr zur Finanzwirtschaft verlagert mit derart hohen Renditeforderungen von acht Prozent und mehr, die die Realwirtschaft niemals erfüllen kann. Auf diese Weise sei es 2008 zur Krise gekommen, bei der das ganze Welt-Finanzsystem kurz vor dem Kollaps gestanden sei. Als Ursachen nannte Grzega die Entfesselung der Finanzmärkte, den Abbau von Kontroll-Instrumenten und den unbedingten Glauben an die Richtigkeit des Strebens nach Rendite für die Starken der Gesellschaft.

Der Neoliberalismus bestimmt laut Grzega spätestens seit dem Ende des Kalten Krieges alle Gesellschaften der westlichen Welt. Aber was ist Neoliberalismus? Die bekannte amerikanische Wissenschaftlerin Wendy Brown geht davon aus, dass Neoliberalismus mehr ist als eine Wirtschaftspolitik, mehr als eine Ideologie oder eine Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Wirtschaft. Vielmehr handele es sich ihrer Ansicht nach um eine Neuordnung des gesamten Denkens, die alle Bereiche des Lebens sowie den Menschen selbst einem ökonomischen Bild entsprechend verändert – mit fatalen Folgen für die Demokratie. Alle Sphären der Existenz werden im Neoliberalismus wirtschaftlichen Gesichtspunkten unterworfen und diesen entsprechend vermessen: die Politik, das Recht, die Kultur, die Bildung, die Familie, die Gesundheit, die Geschlechterrollen.

Es gehe nur um Profitmaximierung zum Nutzen der Reichen und zu Lasten der Armen und der Mittelschicht. Er zitierte auch Papst Franziskus „Diese Wirtschaft tötet“ mit den immer mehr ungleichen Handelsbeziehungen zu Entwicklungländern und schwächeren Volkswirtschaften. Verschleiernde Nebelkerzen in der politischen Diskussion wären: „Deutschland geht’s gut“ oder „Leistung muss sich lohnen“ und „ Gürtel enger schnallen“, wo bei letzterem nur die unteren 70% gemeint seien.

Die zunehmende Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft führe in deren Spaltung, genau so, wie es die europäische Union spalte, indem wir auf Kosten der schwächeren Länder leben würden durch unsere Aushandelbilanzüberschüsse und deren zunehmender Verschuldung. Grzega, der auch Botschafter für die Gemeinwohlökonomie ist, geißelt auch die zunehmende Feudalisierung bzw. Sicherung der Vermögen der Oberklasse zu Lasten der Allgemeinheit.

Die aktuellen sogeannten Freihandelverträge sind nach Grzega Ansicht die hässlichste Fratze der neoliberalen Wirtschaftsideologie. Sie hätten fatale Folgen, nämlich die endgültige Zerstörung einer echten grundgesetzlich garantierten Demokratie zu Gunsten einer „marktkonformen Demokratie“, die einfach keine mehr ist.

Weil auch die Umweltzerstörung im augenblicklichen System monetär nicht bewertet wird, spielt deren Vermeidung auch keine Rolle. Grzega Beispiel: der Verlust von 1/3 der weltweiten Ackerböden bis 2025, die entsprechend verhehrende Folgen zeigen wird.

Grzega: „Ich gehe übrigens davon aus, dass beim Festhalten der aktuellen neoliberalen Austeritätspolitik spätestens 2018 das Euro-System zerbricht. Einen Staatenbund mit der absurden Ideologie der gnadenlosen Konkurrenz statt Kooperation mit fairem Wettbewerb und wirtschaftlichem Ausgleich untereinander, ist nicht überlebensfähig.“ so der Finanz-Experte aus Treuchlingen.

Das würde auch dazu führen, dass sich die „starken Staaten“ mit allen Mitteln – auch von Gewalt – das Recht nahmen und nehmen, einen ungehinderten Zugriff auf die wichtigsten Ressourcen unseres Planeten, z. B. Erdöl, Erdgas, seltene Erden und die unbegrenzte Nutzung der Welt-Handelswege zu ihren Gunsten durchzusetzen.

Grzega plädiert für ein ernst nehmen des Art. 151 der bayerischen Verfassung und hin zu einer menschengerechten Gemeinwohl-Ökonomie

  1. Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl, insbesondere der Gewährleitung eines menschenwürdigen Daseins für alle und der allmählichen Erhöhung der Lebenshaltung aller Volksschichten.

Die Gemeinwohl-Ökonomie fordert zum Nachweis der Erfüllung der Gemeinwohl-Aufgaben die Unternehmen auf, neben der Finanzbilanz eine auditierte Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen.

Die Grundsätze dieser am Menschen ausgerichteten Ökonomie sind: Menschenwürde – Solidarität – Ökologische Nachhaltigkeit – Soziale Gerechtigkeit – Demokratische Mitbestimmung & Transparenz

Die Gemeinwohl-Ökonomie sei keine von oben aufgesetzte Ideologie. Sie ist im Gegenteil eine sich demokratisch von unten, von den Unternehmen und von Gemeinden entwickelnde Graswurzel-Bewegung.

Inzwischen hat die Gemeinwohl-Ökonomie nicht nur in Österreich und Deutschland Fuß gefasst, sie ist zu einer europäischen Idee geworden. Inzwischen unterstützen rund 2000 Unternehmen in Deutschland und Österreich die Gemeinwohlökonoie und rund 300 erstellen bereits eine Gemeinwohl-Bilanz, wie auch die Sparda-Bank München.

In der Diskussion wurde deutlich, dass wir unsere Politikerinnen und Politiker ohne Umschweife zu einer Änderung dieser Politik auffordern müssen, wenn nicht Gorbatschows berühmter Satz für uns wahr wird: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“.

Grzega schloss mit einem starken Appell: Packen wir es an. Unser schöner Planet Erde verdient es, dass wir um ihn kämpfen.


Infos zum Referenten:

Jahrgang 1944, Dipl.-Bankbetriebswirt und Dipl. Verwaltungsbetriebswirt, war ab 1994 Vorstandsmitglied und von 2000 bis 2006 Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank München eG. Er engagiert sich seit 2004 in der „Global-Marshall-Plan-Initiative“, war von 2010 bis 2015 Vorstandsvorsitzender des „Senatsinstituts für gemeinwohlorientierte Politik“ und ist seit 2011 Botschafter der „Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung“.und Gesellschaft?”

Jürgen Osterlänger, Günter Grzega und Harald Kempe vlnr


Die ÖDP Emskirchen verwendet Cookies, um diese Website Ihren Bedürfnissen anzupassen. Zu den Cookie-Nutzungsbestimmungen